Staffelfinale

Laptop Stethoskop

Wie alles begann

Frau Doktor, wir haben gerade noch einen Notfall bekommen…

Ich weiß es noch wie heute – ich stehe in einer meiner ersten Wochen in der Klinik in der Notaufnahme. Frisch von der Uni, voller Tatendrang und theoretischem Wissen und doch geht mir der Arsch auf Grundeis.

Vor mir liegt ein Mann auf der Pritsche und krümmt sich vor Schmerzen. Sein rechter Knöchel ist grotesk geschwollen und beginnt langsam die Farbe einer reifen Pflaume anzunehmen. Das gruseligste allerdings ist, dass der Fuß, der an diesem Knöchel im wahrsten Sinne des Wortes hängt, im 90° Winkel nach außen gedreht ist, während das Knie weiterhin geradeaus an die Decke zeigt. Auch als Laie würde man erkennen, dass da etwas nicht stimmt.

Klinische Untersuchung, Schmerzmedikation, Reposition, Fixation, Röntgen, …

gehe ich in meinem Kopf die einzelnen Schritte durch. So die Theorie. So habe ich es gelernt.
Gut – nach den ersten zwei Schritten weiß ich nun, dass das Sprunggelenk mit Sicherheit ausgekugelt und mindestens der Innenknöchel gebrochen ist. Den Nerven und Gefäßen geht es im Moment noch gut. Der Mann hat etwas gegen seine Schmerzen bekommen und ganz langsam wird er ruhiger.
Doch damit sich die Weichteilsituation nicht noch verschlechtert heißt es nun das Gelenk wieder in seine ursprüngliche Position zurück zu führen und – Oh mein Gott – ich habe richtig Angst davor.
Klar, vor dem Patient kann ich das nicht zeigen. Dem geht es auch so schon schlecht genug, ohne dass er weiß, dass ich den nächsten Schritt zwar in der Theorie schon zig mal durchgegangen und meiner Mentorin auch schon einige Male dabei zugesehen habe und von ihrer Hand dabei geführt wurde. Aber, dass er jetzt mein „erstes Mal“ wird, das weiß er zum Glück nicht.

Einatmen, ausatmen, Zähne zusammenbeißen

Ich gehe noch einmal kurz im Kopf die einzelnen Handgriffe durch, mit denen ich den Fuß wieder dorthin „biege“, wohin er eigentlich gehört. Die Schwester steht bereit und wartet auf mein Kommando, neben ihr liegt alles, was wir für die anschließende Gipsanlage benötigen. „Einatmen, ausatmen, Zähne zusammenbeißen“ sage ich zu mir. Doch scheinbar laut genug, dass es der Patient hören kann. Denn der schaut mich auf einmal mit großen Augen an. Ich lächle und erkläre ihm kurz, was gleich passieren wird. Und während ich die Hände behutsam um seinen Knöchel lege höre ich, wie er die Luft durch die Zähne zieht.

Ziehen, Drehen, ein Knirschen unter meinen Fingern

Es ist geschafft. Das Bein des Mannes sieht wieder halbwegs normal aus. Und während ich den Fuß unter Zug festhalte, legt die Schwester ganz ruhig und routiniert die Gipsschiene an. Ohne dass der Patient es sieht, zwinkert sie mir zu – „Gut gemacht!“.
Mir läuft der Schweiß unter meinem Kasack den Rücken hinunter, meine Ohren rauschen und mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Aber ich bin unheimlich stolz auf mich.

Schicksale, Bürokratie und viel Kaffee

Das war nur eine von so vielen verschiedenenSituationen, an denen ich in den letzten 4 Jahren gewachsen bin. So wie an allen anderen Aufgaben und Herausforderungen, die einem der Klinikalltag als Unfallchirurgin bringt. Ich habe hunderte Knochenbrüche gerichtet, mindestens genau so viele Kopfplatzwunden genäht. Habe Zauberpflaster auf kleine aufgeschlagene Kinderknie geklebt. Ich habe Rezepte ausgestellt, Verbände angelegt und Zecken entfernt. Habe Kanülen und andere scharfe oder spitze Gegenstände in diverse Körperteile gestochen. Ich habe operiert. Mich mit Blut, Kotze und anderen Körperflüssigkeiten angeschmiert. Ich habe mit Behörden diskutiert und mit unverschämten Menschen, die das Gesundheitssystem (wissentlich oder auch nicht) ausnutzen. Ich habe Schmerzen gelindert, Trost gespendet, aufgeklärt, belehrt. Meistens habe ich dabei gelächelt oder war zumindest freundlich und besonnen. Selten wurde ich auch mal laut und ungehalten, man ist eben doch nur ein Mensch. Ich habe mit meinen Kollegen gelacht und geweint. Ich habe Menschen genesen und sterben sehen. Schicksale und Trivialitäten erlebt. An den meisten Tagen konnte ich Arbeit Arbeit sein lassen. Doch ab und an hat mich ein Schicksal noch Wochen und Monate und manche noch Jahre beschäftigt.
Ich habe unzählige Arztbriefe geschrieben, die Bürokratie in der Medizin verflucht. Medikamente verordnet und Röntgenbilder angemeldet. Ich habe unzählige Stunden in dieser Klinik zugebracht. Habe ungefähr trölftausend Liter Kaffee getrunken und viel zu viel geraucht. Ich habe die Zeit in der Klinik geliebt und manchmal auch gehasst. Aber vor allem habe ich so viele tolle Kollegen kennengelernt, die zum Teil sogar echte  Freunde wurden.

Fortführung folgt

Warum das alles in der Vergangenheitsform geschrieben ist? Tja, gestern war mein (vorerst) letzter Tag in der Klinik. Ich habe mich verabschiedet, bedankt und noch einmal mit den Kollegen geschnattert. Dieses Kapitel ist nun also beendet. Das nächste spielt dann nicht mehr im Krankenhaus sondern in einer Hausarztpraxis. Statt Knochenbrüchen und Schulterluxation gibt es dann also vom Schnupfen, über Bluthochdruck bis hin zum juckenden Hautausschlag ungefiltert alles, was man sich eben an Krankheiten nur so vorstellen kann (oder manchmal eben auch nicht). Ich bin auf jeden Fall gespannt, was die Zukunft mir bringt – ich werde berichten.

1 Kommentar

  1. Oh Lu, das klingt nach Adrenalin non-Stop. so spannende. Und so kräftezerrend! Ich bin ganz gespannt, was der nächste große Sprung alles mit sich bringt!

    Bella

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