That’s why I do it

stethoscope

„Danke, dass ich Ihnen nicht egal war!“

Als ich über den Gang der Praxis hetzte, mit dem einen Fuß schon im nächsten Behandlungsraum, mit den Gedanken noch beim letzten Patienten, zupfte jemand am Ärmel meines grauen Cardigans. Ohne ein Wort zu sagen, drückte eine junge Frau mir etwas in die Hand. Noch bevor ich etwas erwidern konnte, verschwand sie mit einem zögerlichen Lächeln auf den schmalen Lippen durch die Eingangstür.
In meiner Hand hielt ich eine Schachtel Pralinen und eine Karte mit einem Wim Wenders Bild. Ich schaute der Frau noch einen Moment nach, versuchte das Gesicht zuzuordnen, ihre Geschichte unter den vielen anderen heraus zu kramen. Auf dem Weg zurück in mein Sprechzimmer fiel sie mir wieder ein. Zwei Wochen war es her, dass sie Hilfe und ein offenes Ohr suchte. Am Tag nach ihrem Besuch rief ich sie an, um mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Es ginge ihr schon besser, sagte sie.

„Vielen lieben Dank, dass Sie sich nach mir erkundigt haben …“

Es ist ein großartiges Gefühl jemandem helfen zu können. Es erfüllt mich mit so einer inneren Genugtuung. Und genau dieses Gefühl hat mir die letzten Monate in der Klinik so so sehr gefehlt. Ich wusste einfach nicht mehr, wofür ich das alles machte. Das frühe Aufstehen, der lange Arbeitsweg, die endlosen Stunden in den 24-Stunden-Schichten. Die undankbaren Patienten in der Notaufnahme, die wegen eines Splitters im Finger, den sie sich vor 4 Wochen einzogen, nachts um 3 aufschlugen. Die vielen Überstunden, das Hetzen auf Station, keine Zeit für die Patienten, keine Zeit für Medizin, wie ich sie mir vorstellte.
Der Mini und die Elternzeit kamen genau richtig. Eine „Zwangspause“. Ein neuer Lebensabschnitt. Zeit in mich zu gehen und meinen Weg neu zu überdenken. Neue Prioritäten. Und so wuchs der Wunsch nach Veränderung.
So sehr ich die Unfallchirurgie – das Operieren liebe, diese Direktheit mit der man den Menschen mit seinen eigenen Händen heilt – so sehr fehlte mir der Patientenkontakt. Auch die Arbeit in der Notaufnahme ist etwas ganz besonderes. Das Unter-Strom-Stehen, nicht wissen, was als nächstes kommt. Ein ewiges Hin und Her zwischen langweiligem Pillepalle und adrenalingeladenem Lebenretten. Doch die 24-h-Dienste zermürbten mich immer mehr. Die Angst in manchen Diensten, in denen ich tatsächlich 24 Stunden ohne größere Pause durcharbeitete, aus lauter Müdigkeit etwas zu übersehen, etwas falsch zu machen, fraß mich auf. Ich wollte so nicht länger arbeiten.

Und so landete ich also in einer allgemeinmedizinischen Praxis. Hier ist alles so viel entspannter. Nicht unbedingt was das Arbeitspensum angeht – aber die Grundstimmung ist eine ganz andere. Trotz extrem hohen Patientenzahlen an manchen Tagen, hat man Zeit für den einzelnen Patienten, oder kann sie sich zumindest nehmen. Man begleitet die Menschen auf einem großen Stück ihres Weges. Sieht so viele Persönlichkeiten, mit den verschiedensten Krankheitsbildern, mit den unterschiedlichsten Geschichten. Man behandelt Bluthochdruck, bietet eine Schulter zum Ausweinen, verbindet Wunden, organisiert Kuren, entdeckt Herzinfarkte, begleite junge Menschen in ihr Erwachsenwerden und alte in ihren Lebensabend, man löst Blockaden – in Wirbelsäulen und in Köpfen. Und manchmal ist man eben einfach nur da, sagt nichts, hört zu. Und ist dem einen Menschen ein sicherer Hafen – gibt ihm das Gefühl tatsächlich gehört zu werden und nicht egal zu sein!

 

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