Wenn die Seele nicht mehr hüpft

faltige Hände

Sie sitzt auf dem Bett. In dem Zimmer ist es eigentlich viel zu warm, und doch liegt auf ihren Beinen eine dicke Decke aus grauer Wolle. Ihre schmalen Hände hat sie in ihren Schoß gelegt. Die schlanken Finger der rechten Hand zupfen gedankenverloren  “Die letzten Tage waren schwer für mich. Sehr schwer. Ich habe Weihnachten immer geliebt. Mit meinem Mann habe ich es mir immer richtig gemütlich gemacht – wir haben gut gegessen, sind zur Christmette gegangen. Haben viel Musik gehört, gelesen und gemeinsam die letzten Tage des Jahres genossen.”

Ihr Blick hebt sich, doch die blassblauen Augen schauen mich nicht an.  Viel mehr scheinen sie etwas zu sehen, das weit, weit hinter mir zu liegen scheint.

“Nun, wo er nicht mehr bei mir ist“, flüstert sie nur noch, „kann ich diesem Fest nichts mehr abgewinnen. Schon in der Vorweihnachtszeit beginnt sich mein Magen zu verknoten, ich habe regelrecht Angst, je näher der heilige Abend rückt.“

Eine Träne läuft langsam über ihre faltige Haut. Beschämt wischt sie sie mit ihrem Blusenärmel weg.

„Als Kind habe ich auf dem Land gelebt, kein Tag verging ohne dass wir draußen gespielt haben, im Fluss schwimmen waren oder mit dem Hund um die Wette gerannt sind. Das fehlt mir hier. Wo man nur hinschaut Straßen, Mauern. Das Auge hat gar keine Chance zu  Schweifen. Alles ist so geschlossen. Die Weite, die fehlt mir hier.

 

Ich habe keine Angehörigen mehr. Einen Neffen in München, der darauf wartet, dass er mich endlich beerben kann. Sonst keinen mehr. Wissen Sie, wenn man niemanden mehr hat, wird die Seele ganz schwer. Sie hüpft nicht mehr, wie bei einem jungen Menschen. Sie klebt auf dem Boden und ist ganz schwer. Und das Grau in dieser Jahreszeit ist auch nicht sonderlich hilfreich.“

 

Wenn man niemanden hat, wird die Seele ganz schwer.

Plötzlich schaut sie mich direkt an. Ihr verklärter Blick wird wieder klarer. Ihr Stimme nun fester, richtet sie sich an mich: „Ich mag schon etwas verrückt sein, bin schließlich auch nicht mehr die Jüngste, aber wenn der Nebel sich mit seinem Grau über alles legt und jede Freude schluckt, geht es einem nicht gut. Musik würde mir helfen. Früher habe ich Klavier gespielt, aber das konnte ich ja schlecht mit hierher bringen, vielleicht hätte es die anderen gestört. Und in der Oper war ich oft, oder im Theater. Jede Woche mindestens ein Mal. Das fehlt mir so. Ich bin zu alt und zu schwach um allein dort hinzugehen. Und hier interessiert sich keiner für irgendwas. Nur vom Essen und vom Kacken reden sie. Man wird hier drinnen ganz gaga, wenn man es nicht eh schon ist.“

Ihre weichen Gesichtszüge verhärten sich, als sie weiter spricht: „Da wird man 87 Jahre alt, war immer fleißig und gut zu den anderen Menschen, hat seinen Teil zur Gesellschaft beigetragen und muss dann in so einem Pflegeheim vor sich hin vegetieren.“ Sie spuckt mir das Wort förmlich vor die Füße.

„Im Sommer war es am schönsten. Wissen Sie, ich war jeden Tag schwimmen. Ich war richtig gut darin. Und Klavier spielen – das habe ich geliebt. Ich habe mir immer den Schmerz von der Seele gespielt. Ich wünschte, ich hätte es mit herbringen können.“

Sie schaut wieder aus dem Fenster hinter mir, ihre Finger zupfen an der Bügelfalte ihrer Hose. Es ist ganz still im Zimmer. Der graue Nebel draußen schluckt das letzte Tageslicht. Ich lege ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter, verabschiede mich und verlasse das Pflegeheim.

1 Kommentar

  1. Sarah sagt: Antworten

    Das macht ganz schön traurig. ich kann das gut nachvollziehen. die menschen suchen ein leben lang nach liebe und Erlösung. finde es so schön, dass du das noch so registrierst. das tröstet, damit nicht allein zu sein. ich wünsche dir ein ein wirklich gesundes jähr 2018.

    ganz liebe Grüße, Sarah

    P.s.: Mich tröstet dabei immer Philipp poisel, da geht es gleich besser…

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